Bücher, Kunst und Sonstiges Mit gesundem Menschenverstand & witzig: G. W. Septimus Piesse und The Art of Perfumery

Mit gesundem Menschenverstand & witzig: G. W. Septimus Piesse und The Art of Perfumery

03/16/17 15:00:44 (2 Kommentare)

von: John Biebel

Bücher über Parfum sind schwer zu bekommen. Parfümeure destillieren ihre Geheimnisse erst in Folge einer Menge harter Arbeit und Erfahrung. Die Wenigsten geben dieses Wissen einfach so weiter. George W. Septimus Piesse, ein englischer Parfümeur der Mitte des 19. Jahrhunderts arbeitete, wollte all die wertvollen Informationen die er gesammelt hatte teilen und tat das in seinem Buch The Art of Perfumery (and Method of Obtaining the Odor of Plants).

Frontispiece of The Art of Perfumey, 1850's London

Als ich damit meine ersten eigenen Schritte in die Parfumherstellung begann, war dies das erste Buch, das mir konsequent empfohlen wurde. Ich erinnere mich daran mich damals zu fragen "werde ich wirklich aus einem 150 Jahre alten Buch lernen können wie man Parfums macht?" Obwohl dieses Buch kein Leitfaden der anspruchsvollsten Art ist, wie man es von heute erwarten würde, ist es aber ein wunderbares Werk darüber wie Düfte geschaffen werden, welche Materialien verwendet und wie die Essenzen aus ihnen gewonnen werden. Es eine Ressource von unschätzbarem Wert und vermittelt Verständnis für die Ursprünge von Parfüm Zutaten, wie sie dem Rohmaterial entlockt werden und wie sie miteinander harmonieren. Es gibt auch einen Blick auf die Grundformeln, die die Palette des Parfümeurs für Blumen, Gewürze, Ambra und Moschus bilden.

Worauf ich nicht vorbereitet war, ist der unglaubliche Unterhaltungwert der auf diesen Seiten wartet. Septimus ist ein gesprächiger Autor. Er ist wie der Onkel der in der Stadt wohnt und dich auf eine geführte Tour mitnimmt und dabei keine Details auslässt. Er kann in einem Augenblick große Höhen der Poesie erreichen, die Tugenden einer Blumen- oder Extraktionstechnik preisen und sich dann wenden und murmeln, dass es in diesem Öl, oder jenem Harz zweifelhafte Charaktere gibt und man sich vor bestimmten Händlern in Acht nehmen sollte. Es ist die Art von Insider-Sicht auf die Parfümeriewelt, die man nur von einem Vertrauten oder einem Freund "aus dem inneren Zirkel" hören würde, wenn man in der Zeit zurückreisen könnte. Mit all seinem Detailreichtum hat es ein Gefühl von Dickens, die Buchhaltung aller verschiedenen Substanzen wie Charaktere eines langen, komplexen Romans. Es zieht den Leser ins London zur Hochzeit der Industrialisierung, als sich Lyrik und Zynismus oft mischten und sich selbst eingeschworene Stadtbewohner nach jener vergangenen Zeit sehnten, bevor der Himmel von Schornsteinen verdeckt war.

Apothecary glasses

Der Leser wird von den großen Fortschritten erstaunt sein, die die Parfümerie bereits in den 1850er Jahren gemacht hatte. Es war bekannt, dass viele Blütenessenzen als ätherische Öle instabil waren, und Piesse gibt Rezepte für Nachahmungen von Wicke, Veilchen, Maiglöckchen, Magnolien und vielen anderen an. Er warnt uns vor der Verfälschung des Rosenöls rund um London (das mit großen Mengen an Rosengeranie gestreckt wurde). Seine Aufmerksamkeit für das Detail ist also mit den vorsichtigen Warnungen eines gewieften Detektivs verwoben; halb Handwerker, halb kluger Geschäftsmann. In einer interessanten Passage beschreibt er die relativen Vorzüge der verschiedenen Alkohole, wenn sie zur Herstellung von Parfums verwendet werden:

…it must be remembered that all the French perfumes are made of brandy, i.e. grape spirit; whereas the English perfumes are made with corn spirit, which alone modifies the odor. Though good for some mixtures, yet for others grape spirit is very objectionable, on account of the predominance of its own aroma… Musk, ambergris, civet, violet, tubereuse, and jasmine, if we require to retain their true aroma when in solution in alcohol, must be made with the British spirit.

All the citrine odors, verveine, vulnerary waters, Eau de Cologne, Eau de Portugal, Eau d’Arquebuzade, and lavender, can alone be brought to perfection by using French spirit in their manufacture. If extract of jasmine or extract of violet, &c., be made with French or brandy spirit, the true characteristic odor of the flower is lost to the olfactory nerve - so completely does the oeanthic ether of the grape spirit hide the flowery aroma of the otto of violet in solution with it. This solves the paradox that English extract of violet and its compounds, “spring flowers,” &c., is at all times in demand on the Continent, although the very flowers with which we make it are grown there.

Pressed and dried tubereuse flowers

Das Buch ist auch reich mit faszinierenden Schnappschüssen der Welt der 1850er Jahren versehen. Antiquiert, in gewisser Weise, und doch ein kommerzielles Kraftpaket in einer anderen. Ein Großteil der Fortschritte in der Aromachemie, wie wir sie für selbstverständlich halten, haben ihre Wurzeln in dieser Zeit. In seiner Beschreibung der Schöpfung von Jonquil (die kleine Narzisse) erklärt er, dass es auch zu seiner Zeit einfach zu teuer und unpraktisch war, das Öl mittels Enfleurage zu gewinnen, also war es am besten, es "künstlich" herzustellen:

The scent of the jonquil is very beautiful; for perfumery purposes it is however but little cultivated in comparison with jasmine and tubereuse... The Parisian perfumers sell a mixture which they call “extract of jonquil.” The plant, however, only plays the part of a godfather to the offspring, giving it its name. The so-called jonquil is made thus:

spiritous extract of jasmine pomade 1 pint
   “            “          of tubereuse 1 pint
   “            “          fleur d’orange 1/2 pint
Extract of vanilla 2 fluid ounces

Piesse war vor allem voran ein Pragmatiker. Er arbeitete in diesem Bereich und erwarb mit der Herstellung und dem Verkauf von Parfümwaren seinen Lebensunterhalt. Er beschreibt die Methoden und Prozesse für die Herstellung von duftenden Artikeln, von Haarwäschen bis zu Cold Cream, parfümiertem Leder bis hin zu duftendem Papier. Seine Beschreibungen über die Herstellung von Duftseife sind besonders faszinierend, weil sie zeigen wie komplex der Prozess tatsächlich ist - sicherlich etwas, das wir heute als Konsumenten für ganz selbstverständlich halten. Aber die Seifenherstellung in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts war ein komplexes Unterfangen, da die meisten der verfügbaren Seife ziemlich grob war und ihre eigenen spezifischen Gerüche hatten. Seine Aufgabe als Parfümeur war es diese Seifen einzuschmelzen und sie in etwas weitaus nützlicheres und angenehmeres zu verwandeln.

Man kann hier eine merkwürdige Formel finden, das als "Brown Windsor Soap" bekannt ist. Es beginnt mit ein paar verschiedenen Grundseifen die vorsichtig in kleine Späne geschnitten und dann zusammen mit Blumenwasser zermahlen werden. Dann werden Parfümkomponenten hinzugefügt:

Brown Windsor Soap

Curd Soap 3/4 cwt*
Marine Soap 1/4 cwt
Yellow Soap 1/4 cwt
Oil Soap 1/4 cwt
Brown coloring (caramel) 1/2 pint
Otto of caraway 1/2 lb
Otto of cloves "
Otto of thyme "
Otto of cassia "
Otto of petit grain "
Otto of French lavender "

* In North America, a hundredweight is equal to 100 pounds, also known as a "short hundredweight." In the United Kingdom, a hundredweight is 112 pounds, also known as a "long hundredweight." 

Der Großteil des Buches ist ein Katalog der die häufigsten Pflanzenextrakte der Parfümerie enthält. Wenn man es aus einer Perspektive des einundzwanzigsten Jahrhunderts liest, sind uns fast alle noch sehr vertraut und werden auch heute noch benutzt. Auch in seinen Definitionen der Zutaten wird sein besonders anspruchsvolles Auge und sein Humor deutlich:

"ORRIS, properly IRIS - The dried rhizome of Iris florentina has a very pleasant odor, which, for the want of a better comparison, is said to resemble the smell of violets; it is, however, exceedingly derogatory to the charming aroma of that modest flower when such invidious comparisons are made."

Violet Flowers

Man wird auch an das große exotische Mysterium erinnert, das damals Parfums in der Geschichte umgab. Gegenstände wie Tonka, Vetiver und Gewürznelke wurden immer noch als die Schätze von unmöglich weit entfernten Inseln betrachtet. Die Namen der Parfümformeln die er umreißt, sind ebenso romantisch und spannend wie die Rezepte selbst: Neptune, oder Naval Nosegay, Bouquet of All Nations, Bouquet du Marechale, Essence of Rondeletia, Esterhazy Bouquet, The Bosphorus Bouquet ... alles Variationen der Palette des 19. Jahrhunderts in sorgfältig bemessenen Dosen, um genau die richtige Balance zu finden.

Page of Santalwood from Art of Perfumery

Was vielleicht der schönste Aspekt an The Art of Perfumery ist, ist dass jeder dieses Werk genießen kann - egal ob Parfümliebhaber, Parfümhersteller, ein Amateurhistoriker oder ein Entdecker. Es ist schwer nicht von Piesse's Eifer, seiner Arbeitsethik und seinem anspruchsvollen Detailgefühl beeindruckt zu sein. Man fühlt sich, als sei man mit ihm in  seinem Labor in einem vergangenen London, als mische man Tinkturen und Duftbeutelchen. Man behält dabei auch ein Auge auf die sehr verdächtigen Flaschen gefälschten Jasmins, die jemand versucht einem ahnungslosen und weniger erfahrenen Parfümeur ein paar Straßen weiter aufzuschwazen.

The Art of Perfumery ist derzeit von der  Echo Library veröffentlicht, www.echo-library.com und auch als kostenloses Ebook bei  Manybooks http://manybooks.net/titles/piesseg16371637816378-8.html. Man kann sich auch ein Faksimile des Originaltext mit Illustrationen bei MOA Press ansehen http://quod.lib.umich.edu/cgi/t/text/text-idx?c=moa;idno=AGM3828.

John Biebel John Biebel is an editor for Fragrantica living and working in Boston, Massachusetts, USA. He began writing for the site in 2011. He holds a degree in Fine Art from The Cooper Union in New York City and works as a software application designer and a painter. He began his own indie perfume venture, January Scent Project, in 2015. He has a particular love for perfume history, the chemical composition of perfumes, and interviewing perfumers when he travels. He writes two recurring columns: From the Forums, and Perfume in Technology. In the world of fragrances, John has a great personal attachment to certain classic perfume types like fougères and chypres, men's scents of the barbershop type, rose perfumes, and the perfumes of Serge Lutens.

 



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noa69
noa69

Danke fuer die Uebersetzung des interessanten Artikels.
Die Namen der Parfumformeln klingen ziemlich...nischenhaft aber schoen! Das Buch haette ich gerne...

Mar
22
2017
noa69
noa69

Danke fuer die Uebersetzung des interessanten Artikels.
Die Namen der Parfumformeln klingen ziemlich...nischenhaft aber schoen!

Mar
22
2017

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