1001 Geschichten der Vergangenheit Ein engelsgleicher Dufthauch: Düfte des Himmels

Ein engelsgleicher Dufthauch: Düfte des Himmels

02/28/16 09:29:24 (Ein Kommentar)

von: Elena Vosnaki

Wenn Teufel und Sünde nach Schwefel riechen, wie ich in meinem Artikel behauptete, dann muss der Himmel ja olfaktorisch eine wahrliche Vergnügungsfahrt sein! Die christliche Tradition des „Geruchs der Heiligkeit“, den Frauen und Männer höherer moralischer Tugend entweder bereits zeit ihres Lebens oder nach ihrem Ableben an sich getragen haben sollen, lässt ein wahrhaft duftendes Paradies erwarten.

Engel duften himmlisch, das ist eine unumstößliche Annahme, und Parfumhersteller machen sich diese archetypische Assoziation häufig zunutze, um ihre Käufer mit der versprochenen himmlischen, engelsgleichen Anmut eines Duftes zu locken. Schnuppert mal an Angel Face  des Nischenlabels Ava Luxe und ihr werdet eine intensiv pudrige Aura wahrnehmen, die ein Bild blank polierter Wolken erzeugt. Aber auch Menschen, die eine Sphäre des Heiligen umgab, konnten wie Engel riechen, wird zumindest in traditionellen Geschichten erzählt.

Viele von euch werden Kirchen, Gebetsstätten und Orte der Heiligenverehrung besucht haben. Dort werdet ihr selber –oder ein Führer hat euch darauf hingewiesen- die ätherischen Düfte, die solche Orte durchdringen, wahrgenommen haben. Manchmal wirken sie blumig, manchmal so pur wie die zum Räuchern verwendeten harzigen Anteile des Weihrauchs. Ihre rätselhafte, nicht greifbare Existenz, die die Luft an solchen Plätzen durchdringt, wird von Frommen als Beweis und Manifestation der Heiligkeit, von Agnostikern als dummer Scherz oder von den ewig Zweifelnden als irgendein geschickter Trick gesehen…

Ich will hier nicht irgend jemandes Glauben oder den Mangel daran disputieren. Das steht mir als Historikerin nicht zu. Tatsache ist, diese Aromen sind real, beinahe greifbar. Sie dringen uns in die Nase, sobald wir solche Orte betreten. Ich denke da zum Beispiel an den Heiligen Demetrios aus Thessaloniki, den „Myrrhe-Ausgießer“, auch an die verschiedenen Asketarien (Orte, an die sich Einsiedler zurückzogen) und andere heilige Plätze.
Der Glaube und die physikalischen Erklärungen, die hinter solchen Phänomenen stehen, sind dennoch faszinierend zu ergründen.

In biblischen Zeiten war die Verbindung zwischen Bazillen und Krankheiten noch nicht bekannt (diese Erkenntnis sollte noch bis zum 19. Jahrhundert dauern), also war damals die logische Erklärung, dass verdorbene Gerüche, die man einatmet, Krankheiten auslösen würden. Nicht überraschend also, dass sich die Menschen davor schützen wollten. Indem sie quasi Feuer mit Feuer bekämpften, umgaben sie sich mit immer stärkeren Gerüchen als Gegenmittel gegen den Gestank von Fäulnis und Verdorbenem. So versuchten sie, verdorbene Gerüche mit angenehmen, „sauberen“ zu bekämpfen und sammelten daher mühevoll und zeitaufwändig Räucherwerk, Harze, Kautschuk und Baumharze, die einen hohen Gehalt an reinigenden Substanzen wie Verbenon (ein Keton) oder Transverbenon (ein Alkohol) aufweisen.

Dieser Brauch führte zu einer romantischen Schlussfolgerung: Da solche Harze rückstandslos verbrennen, was als Beweis dafür gesehen wurde, dass in ihnen die himmlischen Geister direkt in den Himmel aufsteigen, und da essentielle Öle den Geist einer Pflanze verkörpern, könnte sie dann nicht die ersehnte Antwort auf alle Gebete gegen die Verderbnis sein?

Die Technik des Einbalsamierens hatte ihren Höhepunkt im antiken Ägypten, wo Pharaonen unter Zuhilfenahme komplexer aromatischer Tinkturen, sowohl aus lokalen als auch exotischen Zutaten, mumifiziert wurden. Besonders Myrrhe war essentiell für das Balsamierungsritual, da sie reich an Terpenen ist, Moleküle, die auch den frischen Tannen- und Fichtenduft ausmachen. Weihrauch und duftendes Kolophonium (ein geschmeidiges Harz) vollendeten schließlich das heilige Triptychon für das Grabmal. Die Materialien wurden während des ganzen Mittelalters bis hinauf zur Renaissance für die Balsamierung von Königen und Königinnen verwendet.

Dazu fällt mir ein Film von Patrice Chéreau aus dem Jahr 1994 ein, La Reine Margot, nach einem historischen Roman von Alexandre Dumas, der in Frankreich zur Zeit der Renaissance spielt. Einige hier werden sich an den Film erinnern. In einer der letzten Szenen instruiert Margeurite de Valois (die namensgebende Margot) ihr Hoffräulein, eine kostbare Pomade auf dem Haar ihres geköpften Geliebten, Joseph Boniface de La Môle, zu verteilen, um „seine Schönheit zu konservieren“. Die Sehnsucht danach, die Zeit anhalten zu können, ist unwiderstehlich, sogar für verfluchte Prinzessinnen wie Margeurite, die von ihrer hinterhältigen Mutter, der intrigierenden Katharina de Medici, zu einer arrangierten Heirat mit einem Mann verfeindeten Glaubens gezwungen wird.

(Sowohl der Roman als auch der Film thematisieren die Tage rund um das berüchtigte Massaker zwischen Katholiken und Protestanten in der Bartholomäusnacht 1572).

Der dargestellte Vorgang reflektiert eine Szene aus den Evangelien, als eine Frau Jesu’ Kopf mit Nardenöl salbt, einem nach Baldrianwurzel duftendem Öl, das seit Jahrtausenden verwendet wurde. In der Bibel steht diese Szene als Allegorie auf die spätere letzte Ölung und die Auferstehung.

Wenn diese aromatischen Stoffe also einen Körper vor der Verwesung schützen, liegt dann die Annahme nicht nahe, dass sie einen lebendigen Körper vor Krankheiten schützen können?

Und eine weitere Hypothese: Könnte eine heilige, makellose Seele, völlig frei von Sünde, nicht diese himmlischen Aromen von sich aus verströmen?

Natürlich könnte sie das, war die Schlussfolgerung der Menschen damals.

Die Korrelation zwischen schönen Düften mit Hygiene und Gesundheit, und noch darüber hinaus, zwischen süßen Düften und moralischer Überlegenheit, wurde zu einer einzementierten Annahme. Da schlechte Hygiene und die damit einhergehenden schlechten Gerüche als Merkmal eines ärmlichen und fehlerhaften Lebens gesehen wurde, erhielten frische und saubere Düfte den Nimbus des Noblen, sowohl auf die soziale Klasse bezogen als auch, was noch schwerer wog, auf moralische Überlegenheit.

Gemäß den kanonischen Lehren der katholischen Kirche gibt es zwei Hauptklassifikationen von Menschen, die von Gottes Hand berührt waren, nämlich die Beata (die Seeligen), wofür ein vollbrachtes Wunder nachgewiesen werden musste, oder die Heiligen, für die es zwei Wunder brauchte…

Was als „Geruch der Heiligkeit“ bezeichnet wurde, konnte sich entweder als figurative Beschreibung auf Menschen, die mit Gnade gesegnet waren, beziehen als auch auf einen tatsächlichen Geruch!

Ein vielsagendes Beispiel für diesen „Duft der Heiligkeit“ stammt aus den Zeugnissen rund um Teresa von Ávila (1515-1582), die Gründerin des Karmeliterordens, nach deren Tod ein himmlischer Duft aus Lilie, Jasmin und Veilchen von unbeschreiblicher Feinheit und Schönheit durch das Nonnenkloster gezogen sein soll.

Dachte Marc Jacobs an sie, als er Violet in Auftrag gab, einen Duft, der exakt diese feinen, femininen, reinen, floralen Noten, Lilie, Jasmin und Veilchen, zum Thema machte? Höchstwahrscheinlich nicht, aber diese florale Kombination stellt dennoch einen, auch für den Himmel würdigen Höhepunkt an ambrosischem Genuss dar.

Tatsächlich enthalten nicht weniger als 185 kommerzielle Düfte diese Noten! Von Floris Bouquet de la Reine (da auch Königinnen nichts gegen einen kleinen Anstrich von geborgter Heiligkeit haben) zum absolut passend benannten Ciel (Himmel) by Amouage und Fantasme by Ted Lapidus, bis zu Oriflame's ...Divine.

Die heilige Teresa von Ávila muss so einige Parfümeure inspiriert haben bei ihrem Versuch, einen „himmlischen Duft“ zu schaffen.

Die aktuelle Webseite zu Teresa von Ávila macht allerdings keine Erwähnung eines heiligen Geruchs. Aber der Duft von Veilchen ist sehr eng auch mit einer anderen Heiligen verknüpft … und dazu gibt es eine ganz andere physikalische Erklärung.

Thérèse von Lisieux, auch Karmeliterin, war Diabetikerin und wurde in Berichten ebenfalls als umgeben mit dem Geruch der Heiligkeit beschrieben. Laut einer wissenschaftlichen Theorie könnte dieser spezielle Geruch durch Ketose, einem Stoffwechselzustand, der sich durch zu strenges Fasten oder auch bei Verhungern einstellt, verursacht werden. Eine Theorie, die durchaus plausibel klingt, sofern man nur aus dem Blickwinkel der Chemie und Medizin nach Erklärungen sucht. Ich möchte dies kurz in einfachen Begriffen erklären:

Von Ketose spricht man, wenn der Fettstoffwechsel gestört ist, wenn der erhöhte Abbau von Fettsäuren zur Bildung sogenannter Ketonkörper (Acetone) führt. Dies geschieht entweder durch extreme Unterzuckerung (wie etwa bei Diabetikern) oder durch eine extrem niedrige Kohlenhydrataufnahme (dies könnte man mit den ersten Stadien der Atkins Diät vergleichen, für alle, die damit vertraut sind), Normalerweise verbrennt der Körper Glykose zur Energiegewinnung. Wenn es davon zu wenig gibt, greift der Körper auf anderen „Brennstoff“ zurück, nämlich die Fettsäuren in der Blutbahn. Der Vorgang setzt Aceton in der Atemluft frei, was dem Mundgeruch einen fruchtigen Ketongeruch verleiht, genauer gesagt, riecht die Atemluft in solchen Fällen wie Äpfel oder Ananas. Ein wahrlich süßer Duft, nicht?!

Die heilige Katharina von Siena (1347-1380), die im Alter an Anorexia Nervosa litt, war hingegen von einem frischen, charmant-weichen Duft umgeben, der sich sogar an ihrer Grabstätte noch einige Jahre lang bemerkbar machte. Das Interessante an ihrer Geschichte ist, dass sie Terpentinöl, ein Oleoresin, also ein duftendes Fettharz von Bäumen, benutzte; ein damals übliches Heilmittel für chronische Bronchitis. Dieses Oleoresin enthält zwei Hauptkomponenten, das α-Pinen und β-Pinen, beides Isomere, die für den Duft von Fichte verantwortlich sind. Werden diese Moleküle jedoch vom Körper absorbiert, werden sie zu α-Ionone und β-Ionone, zu den wohlriechenden Duftbausteinen, die auch für den Duft von Veilchen und Himbeere verantwortlich sind.

Die sich haltende Meinung, duftende Aromen würden von den Körpern Heiliger ausströmen, ist nicht nur auf Veilchen oder Früchte beschränkt. Auch Rosenduft wird oft mit dem „Geruch der Heiligkeit“ assoziiert, wie Papst Pius XII bei der Heiligsprechung der Margarete von Ungarn (1943) erwähnte. Der Duft nach Rosen sei Beweis ihrer Heiligkeit, und tatsächlich wurde dieser weiche Duft auch später noch als ein Kriterium im Prozess zur Heiligsprechung gesehen. Im Fall der Rose kommt dazu, dass sie starken symbolischen Stellenwert sowohl im Christentum als auch in den heidnischen Religionen der Vergangenheit hat.

Während des Mittelalters standen ihre Blütenblätter für die Wundmale Jesu’, und später wurde die Rose mit der Jungfrau Maria assoziiert. Das alles ist im kollektiven Gedächtnis der Kirchengeschichte geblieben und findet Ausdruck in dekorativen Elementen, wie zum Beispiel den gotischen Kirchenfenstern, in denen die Rose immer wieder als Symbol zu sehen ist.

Ein Duft wie Cartier's Baiser Vole Lys Rose, der beide Welten miteinander verbindet, Lilie für Mariä Verkündigung und die Weichheit der Rose Marias, könnte der nicht in Richtung himmlische Düfte gehen?

Es gibt außerdem noch Fälle, in denen die menschlichen Überreste von heilig gesprochenen Menschen nicht verwesten, wie es der Fall war bei Catherine Labourés, die 1933 exhumiert wurde und deren Körper noch ein halbes Jahrhundert nach ihrem Tod intakt war. Ihr Körper strömte einen weichen Seifenduft aus, auch noch ein halbes Jahrhundert nach ihrem Tod. Vielleicht war gerade dieser Fall eines der größten Mysterien für gläubige Christen, zumindest für solche, die nicht sich nicht für analytische Chemie oder die Balsamierungsmethoden der antiken Ägypter und europäischen Herrschergeschlechter interessieren. Heute kann der noch immer unversehrte Körper Catherine Labourés in einem gläsernen Sarg in der Chapelle Notre-Dame de la Médaille Miraculeuse in der rue du Bac in Paris besichtigt werden.

Wenn wir mal alle Arten der Einbalsamierung mit chemischen Mitteln beiseite lassen, wie mit Formalin bei Papst Johann XII geschehen (der in der Basilika des Petersdomes bestattet ist) und auch die Methode, Harze zu benutzen, um Bakterien keine Angriffsfläche zu bieten, gibt es noch Fälle natürlicher Mumifizierung, die auf spezielle Bodenbeschaffenheiten zurückzuführen sind.

Die Verseifung der natürlichen Körperfette ist machbar. Sie wird auch als Leichenwachs bezeichnet. Die schrecklichen Erzählungen aus den Krematorien des zweiten Weltkriegs haben also eine solide, wissenschaftliche Basis. Der Prozess beginnt aufgrund der anaeroben bakteriellen Hydrolyse in den Fettzellen des Gewebes. Damit dies spontan geschieht, muss jedoch ein hoher Anteil an Bicarbonat im Erdreich vorhanden sein. So geschehen bei der „Soap Lady“. Besucher des Mütter Museums in Philadelphia, Pennsylvania, werden dort die perfekt erhaltene Mumie der so genannten Soap Lady.bereits gesehen haben.

Leichenwachs wurde das erste Mal von Sir Thomas Browne in seiner Arbeit Hydriotaphia, Urn Burial (1658) beschrieben:

"Im Körper eines seit 10 Jahren Bestatteten, der zeitlebens an Wassersucht gelitten hatte, fanden wir eine Fettverwaschung. Die Nitrate des Bodens und die Körpersalze und Körperflüssigkeiten koagulierten zu Fettklumpen und verwandelten diese in etwas, das eine Konsistenz wie eine harte Castile-Seife (eine ölhaltige Seife, meistens mit Olivenöl) hatte."
 
Ist unsere ständige Suche nach zarten, weichen, floralen oder seifig frischen Düften nicht unbewusst auch die Suche nach dem Geruch der Heiligkeit? Und hoffen wir damit etwa auch, die charakterlichen Eigenschaften der Reinheit und Unverderbtheit ein bisschen auf uns abfärben zu lassen? Die Hypothese ist sicherlich faszinierend.
 
 
 
 
 

Elena Vosnaki

Elena Vosnaki ist Historikerin und Fragrantica-Autorin aus Griechenland.  Sie ist die Gründerin und Editorin der Webseite Perfume Shrine, eine der am meisten respektierten unabhängigen Publikationen zum Thema Parfums. Die Seite beinhaltet Parfumkommentare, Informationen zu Duftnoten, Interviews und mehr.

Elena hat einen Blog Award gewonnen und war bei etlichen anderen Awards Finalistin. Ihre Arbeit wurde auch bei den Fifi Awards for Editorial Excellence in 2009 anerkannt.
 
 

 



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Bestimmte Düfte können ganz tief berühren, das seh ich auch so. Und Weihrauch und Myrrhe werde ich aufgrund meiner Erziehung und Prägung wohl immer als "heilige" bzw. transzendente Aromen wahrnehmen. Bei diesen Aromen kann ich gar nicht anders, als etwas Kirchliches/Heiliges (was nicht immer dasselbe ist, leider ;-)) damit zu assoziieren.
Was mich betrifft, ich suche nicht den "Duft der Heiligkeit", aber ich bin ständig auf der Suche nach einem Duft, der 100% zu mir passt.
Vielleicht suche ich auch nach etwas, das für mich "makellos" riecht, an dem mich nichts, aber auch gar nichts stört, also ein Duft, in den ich mich komplett fallen lassen kann. Klingt ein bisschen kitschig, aber: Ich suche den Duft, der mich vervollkommt.... wohlwissend, dass ich diesen einen, magischen Duft (meinen "heiligen Gral", um im Thema zu bleiben) nicht finden werde.

Feb
29
2016

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