1001 Geschichten der Vergangenheit Ein diabolischer Dufthauch: Düfte aus der Hölle

Ein diabolischer Dufthauch: Düfte aus der Hölle

02/02/16 01:03:58 (3 Kommentare)

von: Elena Vosnaki

"Eine ungeheure Gewalt, die Kraft von mehreren hundert Atmosphären, welche im Schoße der Erde aufgehäufte Dünste erzeugt hatten, drängte uns unwiderstehlich. Aber welchen unzähligen Gefahren setzte sie uns aus! Bald drangen gelbe Reflexe in die Galerie, welche nun weiter wurde; ich bemerkte rechts und links tiefe Gänge gleich ungeheuren Tunneln, woraus dichte Dünste entwichen; blaue Flammenzungen beleckten knisternd ihre Wände.

'Sehen Sie! Sehen Sie, lieber Oheim', rief ich.

'– Nun, das sind Schwefelflammen. Das ist bei einem Ausbruch ganz natürlich.'"

Wie viele von euch erinnern sich an Jules Vernes Roman „Reise zum Mittelpunkt der Erde“ und die beeindruckenden blauen Flammen, die sich den Lesern ins Gedächtnis gruben?

Als wäre es eine geheime Botschaft eines Alchemisten, die wir auf einem zerknitterten Bogen Pergament gefunden hätten, wussten wir mit Sicherheit, dass der geschmolzene Erdkern nach Schwefel roch und dabei grelle, blaue Flammen produzierte, als der Gestank mit den Eruptionen aufstieg. Und genau so sicher wussten wir, dass dieser faulige Geruch schon immer mit Feuer und Schwefel assoziiert wurde, dem Gestank der Hölle, in dem Sünder bis in alle Ewigkeiten dahinvegetieren.
Die Bibel sagt es deutlich: Schwefel ist der Gestank des Fegefeuers.

Klingen diese Bilder erschreckend? Oh ja! Genau das sollten sie ja auch, genau das war ihr Zweck.

Schwefel ist ein Element, das wir uns schwerlich in Zusammenhang mit etwas Angenehmem vorstellen können, geschweige denn, mit etwas schön Duftendem.

Es muss also eine große Portion Mut erfordert haben, tatsächlich einen Duft mit dem Namen Sulphur [S16] auf den Markt zu bringen. Nu-Be taten genau das. „Schwefel symbolisiert die Mächte des Bösen und der Dunkelheit. Dies ist ein Elixir, das aus den Schatten kriecht, ein satanisches Elixir… seine Noten rufen Bilder von den Tiefen des Erdinneren wach. Nichts Reines oder Unschuldiges, nein, ein Duft, der an einen höllischen Trank denken lässt.“ So beschrieb der verantwortliche Parfumeur Antoine Lie den Duft des schrägen Parfumlabels NU_BE. Die Duftnoten von Sulphur klingen aber dann doch nicht so schwefelig:


Nelkenpfeffer sorgt im Zusammenspiel mit Zimt für den heißen Touch, während Angelika, Rosmarin und Grapefruit die kontrastierende Kühle bereitstellen. Das Herz setzt sich aus polarisierenden Aromen zusammen, auf der einen Seite Kostuswurzel mit strengem Bibergeil und dann als Gegenpol tiefes, weiches Opoponax, eine Mischung hölzerner Noten (Zeder, Guajak) und der erdige Geruch von Eichenmoos.
 

Die Verknüpfung von Schwefel mit dem Teufel war immer schon vorhanden. Und weil der Teufel gerne als moralisches und soziales Regulativ instrumentalisiert wurde, mussten er und mit ihm der Schwefelgestank als Konzept für die böse Seite der Dinge durch den ganzen Verlauf der Geschichte herhalten.

Im Mittelalter wurde Hexenmeistern und Hexen ein schwefeliger Geruch nachgesagt, standen sie doch immerhin unter Verdacht, mit dem Teufel gemeinsame Sache zu machen. Da viele der so genannten Hexen ja eigentlich weise Frauen waren, die sich in der Kunst des Heilens auskannten, und da schwefelhältige Stoffe unter den Heilmitteln waren, war es dann nicht selbsterklärend, dass sie diesen Geruch auch manchmal an sich trugen? Aber versucht das mal, einem Hexengericht zu erklären!

 
 

Aber nicht nur das finstere Mittelalter hatte seine Probleme mit dem Teufel, spulen wir die Zeit vor bis zur ebenso verstörenden Theorie des so genannten Foetor Judaicus des späten 19./beginnenden 20. Jahrhunderts. Da wird im medizinischen Wörterbuch Larousse beschrieben, dass: „…die Haut von Männern und Frauen, speziell wenn diese jüdisch und dazu noch rothaarig oder auch brünett waren, bei heftigem Schwitzen einen nach Schwefel riechenden Schweiß absondert“. Es ist für uns heute unbegreiflich, dass es damals Ärzte gab, die so etwas andeuten, geschweige denn, selbst glauben konnten.Während uns die soziale Abwertung mancher Gruppen nur aufgrund eines vermeintlich „typischen“ Körpergeruchs wütend macht (um es mit Orwell zu sagen: „Es gibt drei verachtenswerte Worte: ‚Die Arbeiterklasse stinkt“), wie schrecklich muss es erst für die Betroffenen gewesen sein, solch rassistische Behandlung nur wegen ihres angeblichen Körpergeruchs über sich ergehen lassen zu müssen. Natürlich wissen wir alle, dass Lebensmittel, die schwefelhaltige Verbindungen enthalten, den Schweiß eines Menschen beeinflussen (denken wir an Knoblauch), daraus aber die Berechtigung zu einer sozialen und kulturellen Segregation abzuleiten, dazu gehört einiges an pervertiertem Denken und erscheint uns heute als unbegreiflich.

 

"Hat nicht ein Jude Augen? Hat nicht ein Jude Hände, Gliedmaßen, Werkzeuge, Sinne, Neigungen, Leidenschaften? Mit derselben Speise genährt, mit denselben Waffen verletzt, denselben Krankheiten unterworfen, mit denselben Mitteln geheilt, gewärmt und gekältet von eben dem Winter und Sommer wie ein Christ? Wenn ihr uns stecht, bluten wir nicht? Wenn ihr uns kitzelt, lachen wir nicht? Wenn er uns vergiftet, sterben wir nicht?"

Shakespeare: Der Kaufmann von Venedig
 
 
Die fixe Annahme, dass Juden ihren schwefelartigen Geruch verlieren, sobald sie sich christlich taufen ließen, zeigt deutlich, wie pervertiert und an den Haaren herbeigezogen das gedankliche Konstrukt Körpergeruch=Rasse war!
 
Schlechte Gerüche wurden immer schon auch mit Angst oder Gefahr verbunden. Aber auch mit moralischer Schwäche und Verfehlungen. Die ursprüngliche Bedeutung des Begriffs „pute“ (französisch für Hure) kommt aus dem lateinischen putere, was so viel wie stinken, fischig oder verdorben riechend bedeutet. Ob dieser sexistische Stereotyp auf schlechte Hygiene oder ähnliches zurückzuführen war, darf bezweifelt werden. Die großen Kurtisanen jedenfalls rochen sauber, worauf die Bezeichnung παστρικιά", was im Griechischen soviel wie "sauber geschrubbt" heißt, hinweist. Denken wir an die Tänzerin und Kurtisane Émilienne d'Alençon (1869-1946), eine Freundin von Coco Chanel und eine Inspirationsquelle für  Chanel No.5.
Die Verknüpfung schwefelartiger Geruch und schwache, moralische Tugend dürfte wohl ein Konstrukt sein, das in den Garten Eden bis zur Verführung Evas durch den Teufel zurück reicht.
 
Nicht der Schwefel selbst, sondern das Schwefeloxid, SO2, ist für den charakteristischen Geruch verantwortlich. Für welche Interpretationen dieses „Aroma“ auch immer herhalten muss, sei’s religiös motivierte Furcht vor einer anderen Welt, sei’s moralischer Status oder einfach nur Fäulnis, eines ist sicher: Die Ablehnung als negativ besetzter Duft ist universell, ein Geruch, von dem man sich distanzieren und mit dem man nicht in Kontakt kommen will.

Aber vielleicht gerade weil Schwefel als antithetisch zum Leben gesehen wurde (kann Leben in einem Vulkan existieren?), erhielt er bald auch die Rolle als eine Art Warnfunktion vor schädlichen, lebensfeindlichen Umgebungen. Der Duft bekleidete in der frühen Vergangenheit also auch die Rolle als prophylaktisches Warninstrument vor Gefahren.

Schwefel wurde in der Antike im Mittelmeerraum häufig zur inneren und äußeren Reinigung verwendet. Nicht überraschend, wenn man bedenkt, dass die ägäischen Inseln und Italien mit aktiven Vulkanen überzogen waren. Das griechische Wort für Schwefel, θεῖον, ist heute noch in chemischen Vorsilben als thio- zu finden. In der Odyssee gibt es Bezüge auf Schwefel als Mittel der Reinigung und Läuterung. Auch in Euripides’ Tragikomödie „Helen“ kommen solche Bezüge vor, und Jahrhunderte später erwähnt Plinius der Ältere, wie Schwefel auf der Insel Melos (die natürlich eine Vulkaninsel ist) als allgemein übliches Mittel für medizinische Zwecke, zur Reinigung und zum Wäsche Bleichen genutzt wurde. Nicht nur die Länder des Mittelmeerraums stellten sich heroisch dem Schwefelgestank wegen seiner nützlichen Eigenschaften, auch die Chinesen extrahierten Schwefel aus Pyrit und verwendeten das so genannte Katzengold für ähnliche Zwecke.

Wir müssen in der Zeit aber gar nicht so weit zurückgehen. Wir brauchen nur selber ein Ei länger als die üblichen 8 Minuten zu kochen. Beim Schälen werden wir dann eine grau-grüne Verfärbung rund um den Dotter und den charakteristischen Geruch vorfinden. Das passiert aufgrund einer chemischen Reaktion zwischen Spuren von Eisen im Dotter und Spuren von Schwefel im Eiweiß. Das passiert aber nur bei zu langem Kochen.

Aber es gibt auch so genug andere alltägliche Lebensmittel, die viel Schwefel enthalten. Grapefruits, Knoblauch, Zwiebeln … Der Teufel liegt hier in der Dosis.

Guerlain und Mathilde Laurent müssen gewusst haben, dass einige Menschen das schwefelartige Aroma hinter der Grapefruitnote in Pamplelune entdecken würden.  Und wirklich, manche sensible Nasen unter uns können sie erschnuppern. Aber genau darin lag die Kunstfertigkeit und Expertise, nämlich ein hochwertiges, frisches Grapefruit-Cologne zu kreieren und dabei den herausfordernden Schwefelakkord intakt zu lassen, ihn hinter dem Patchouli hervorlugen zu lassen. Ein fein schwefeliger Akkord, der sich im schattigen Hintergrund versteckt, wie ein kleiner Teufel, der nur bei Trägern mit der passenden Hautchemie hervor kommt und uns daran erinnert, dass Schwefel auch nur ein weiteres Element ist, das die Ehrfurcht einflößende, wunderbare Natur in uns erzeugt…

 

Fotos: Hard boiled eggs with sulphurous "ring" around yolk von wonderhowto.com, blue flame von Kawah Ijen via Smithsonian Mag. 

 

Elena Vosnaki

Elena Vosnaki ist Historikerin und Fragrantica-Autorin aus Griechenland.  Sie ist die Gründerin und Editorin der Webseite Perfume Shrine, eine der am meisten respektierten unabhängigen Publikationen zum Thema Parfums. Die Seite beinhaltet Parfumkommentare, Informationen zu Duftnoten, Interviews und mehr.

Elena hat einen Blog Award gewonnen und war bei etlichen anderen Awards Finalistin. Ihre Arbeit wurde auch bei den Fifi Awards for Editorial Excellence in 2009 anerkannt.
 

 



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Comfycat
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Oh je, Schwefelgeruch als Erinnerung an den Chemieunterricht mag ich auch, aber ein vergessenes Eierbrot das zwei Wochen lang vor sich hin lebt ist eine Erinnerung die ich damit auch nicht gern assoziieren würde *lach*

Bei mir hat Elenas Artikel auf jedenfall die Neugier auf die Nu Be Düfte geweckt :)

Feb
03
2016
PhoenixNoctulus
PhoenixNoctulus

Ich mochte den Chemieunterricht und Schwefelgeruch (so ungesund er auch ist) erinnert mich immer etwas daran... Bringt mich also teils schon zum Schmunzeln.

Aber selbst würde ich nicht danach riechen wollen ;) Aber ich bin ja auch keine Hexe. Höchstens Totenbeschwörerin. Jedenfalls haben mir einige Leute schon gesagt, meine Shalimar-Fahne könnte selbst Tote wiedererwecken (Funktioniert auch wunderbar mit A Fleur De Peau von Keiko Mecheri) :D

Glaube irgendwie aber auch nicht, dass der vorgestellte Duft wirklich wie richtiger Schwefel riecht. Gern ließe ich mir (auf einem Teststreifen) das Gegenteil beweisen ;) Ein Laden in Berlin soll ihn sogar haben... Mal schauen, vielleicht teste ich mal.

Feb
02
2016
aquaria
aquaria

Ich kenn kaum einen schlimmeren Geruch als Schwefeldämpfe. Da werden nicht nur Erinnerungen an den Chemieunterricht wach, sondern auch eine an ein über die Ferien vergessenes Eierbrot im Bankfach einer Mitschülerin. Das Aroma, das uns nach 2 Wochen Ferien empfing, war unterirdisch schrecklich!

Ja, daher kann ich nach dem Artikel nur sagen, ich finde es mutig, mit solchen und ähnlichen Aromen in der Parfümerie zu experimentieren. *Verbeugung vor allen, die etwas Schönes daraus machen*

Feb
02
2016

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