Düfte und Kulturen Code Weiß

Code Weiß

02/18/16 08:32:08 (Ein Kommentar)

von: Elena Vosnaki

 
Man fragt sich, ob die totale Summe alles sichtbaren Lichts im Spektrum, also Weiß, wirklich nur für das weiße Nichts steht. Vielleicht hat man nur darauf gewartet, etwas mehr in diesem Weiß zu sehen. Die Parfümerie hat oft schon visuelle Codes in verschiedenen Ausprägungen geliefert. Nehmen wir zum Beispiel den Chypre. Wir schnupperten an Ma Griffe und konnten im Brustton der Überzeugung sagen „das ist ein echter Chypre“, und dann schauten wir nur ein paar Zentimeter nach rechts oder links und entdeckten in Mitsouko und Rochas Femme eine „fruchtige Chypre“-Variante. Inzwischen wurde die Bezeichnung derart aufgeweicht, dass sie nun auch auf Düfte wie SJP Lovely oder Guerlain Idylle passt, obwohl deren Duftcharakter doch eigentlich in eine andere Richtung geht. Genau so habe ich in letzter Zeit ein Phänomen beobachtet, dass nämlich unterschiedliche Parfüms in einer Schublade unter dem Titel „Weiß“ zusammen gruppiert werden.
 
Früher bedeutete die Bezeichnung "Weiß“ für Parfüms, dass es hier um weiße Blüten ging, genauer gesagt, um blumige Düfte, die auf Weißblühern und damit auch auf von Natur aus indolischen Blumen basierten ( die auch ein herausforderndes Molekül enthalten konnten, dessen Aroma irgendwo zwischen Mottenkugeln und Fäkalien angesiedelt war). Zu diesen weißen Blumen gehörten Jasmin, Gardenie, Orangenblüte und Tuberose, für die es schon immer eine riesige Schar an Fans gab, was auch die kommerzielle Notwendigkeit für Parfümhäuser erklärt, mindestens ein Parfum dieser Art in der Kollektion haben zu müssen.
 
Agnes Cecile "In Trouble She Will"
 
 
 
„Weiß“ deutet auch auf minimalistische Ästhetik hin, ein Charakteristikum, das in zwei Marktsegmenten tonangebend wurde: bei japanisch beeinflussten Düften, auch wenn sie nicht aus einem japanischen Haus stammten (z.B. Jil Sander Style oder „Sun eau de toilette“ von Jil Sander) und dann auch bei vielen modernen Nischenmarken, die ein modernistisches Konzept verfolgen (z.B. Malin & Goetz Synthesized Musk oder Zarkoperfume Molecule 234 38). Natürlich gab und gibt es darüber hinaus auch noch die „weiße Moschus-Referenz“, ausgelöst durch den großen Erfolg der Moschusdüfte von The Body Shop und Jovan, was uns wieder zur minimalistischen Ästhetik zurückbringt.
 
Man kann jedoch keine opaque-weiße und damit trübe Parfumflüssigkeit herstellen. Und selbst, wenn es inzwischen jemand täte, möchte so ein Parfum niemand tragen. Daher sind alle Arten von so genannten „weißen Parfums“, auch wenn sie nicht der weißblumigen Kategorie angehören, immer durchsichtig. Die Bezeichnung „Weiß“ weist hier nur auf die Verpackung hin (Montale „Montale White Aoud“ ist eines davon).
 
Als visueller Künstler merkte Autor John Biebel in einem seiner Artikel folgendes an:
 
„Marketingleute in den USA sahen sich 1992 einer Massenrevolte gegenüber, und zwar wegen einer falschen Einschätzung, was die Farbakzeptanz ihrer Kunden betraf. In diesem Jahr wurden „durchsichtige“ Produkte zum Trend erklärt. Alles, von Bier über Cola bis hin zum Benzin, wurde plötzlich als „klar“ vermarktet. Alle diese Produkte waren sogar tatsächlich durchsichtig und sahen aus wie klares Wasser. Dieser Trend hielt sich ca. 2 Jahre, bis die Idee schließlich durch die konstante Ablehnung der Konsumenten aufgegeben wurde. Die meisten Menschen fanden es einfach viel zu seltsam und unnatürlich, einen Fruchtsaft ohne Färbung oder gebrautes Bier, das durchsichtig war, zu trinken.

Diese klare Farbe schien den Produkten jede Art von Geheimnis zu nehmen. Die Idee war gewesen, mit klaren Flüssigkeiten Einfachheit und Reinheit zu symbolisieren, in Wirklichkeit sahen sie aber für die Konsumenten nur zu synthetisch und viel zu künstlich aus. Einige durchsichtige, klare Parfums waren am Markt allerdings erfolgreich, also scheint das in der Welt der Düfte keine so schlechte Idee gewesen zu sein, aber normaler Weise werden auch diesen klaren Parfums nur ganz spezifische Eigenschaften zugeordnet. Eine klare Flüssigkeit ist dann erfolgreich, wenn sie die Erwartung auf einen transparent-leichten, unkomplizierten Duft erfüllt.“

Genau dieselben Gedanken gingen mir durch den Kopf, als ich den schlanken, weißen Flakon des Clinique's Aromatics in White in Händen hielt (der inzwischen mit einem analogen, in schwarz ergänzt wurde). Der Duft dieses Clinique Parfums ist sehr moschuslastig, was dem weißen Code ja völlig entspricht. Aber es ist darüber hinaus auch ein „sauberer und klarer“ Patschuli-Moschusduft. Ich hatte dieses Goldstück unter „bemerkenswertes Zwischending zwischen Fakten und Fantasie“ in den Weiten meiner Gedächtnisbank abgespeichert, bis mich mein Forscherdrang nicht mehr los ließ und ich mich dran machen musste, den Duft im Detail kennen zu lernen.

 
 
Die gegenwärtige Entwicklung zeigt mir, dass eine spezielle Kategorie der in seine Einzelkomponenten zerlegten Patschuli-Düfte sich der Farbe Weiß bemächtigt hat, eine Entwicklung, die dem White Patchouli von Tom Ford und dem eben erwähnten Aromatics in White von Clinique als Vorreiter zuzuschreiben ist. Differenziertere Methoden der Destillation und Kristallisation ermöglichen das Aufbrechen von Duftstoffen in einzelne Komponenten, denen Akkorde entzogen oder zugesetzt werden können, wie eben hier beim Patschuli. Das Endprodukt riecht dann zwar noch nach Patschuli, aber die erdigeren und „unsauberen“ Facetten, die an die Hippie-Düfte der 60er Jahre erinnern und damit die unbewusste Assoziation mit der etwas zu legeren Boheme, sind weg.
 
Bei einem meiner Streifzüge durch die Fragrantica-Datenbank fand ich mindestens zwei weitere weiße Patschuli-Düfte, nämlich Al Mushba's und Rituals No.7, beide ebenfalls in weißer Verpackung. Und plötzlich sieht man überall Weiß!
 
Da ist der weiße Wildlederduft mit der Ausstrahlung einer geschmeidig schnurrenden Luxuskatze (Tom Ford)und weißes Leder (Bella Bellissima'sGivenchy Cuir Blanc und ebenso Pierre Cardin Cantaure Cuir Blanc). "Wie kann jemand überhaupt weißes Leder von andersfarbigem Leder am Geruch unterscheiden?“, mögen Sie sich als logisch denkender Mensch jetzt fragen. Und mit dieser Frage würden Sie genau den Punkt treffen.
 
 
Es gibt sogar weißen Tabak! In diesem Fall reflektiert der Name zwei Behauptungen, die mit einem Augenzwinkern betrachtet werden müssen: zum einen sind die winzig kleinen Blütenkelche tatsächlich weiß, zum anderen kann der Duft vage an einen der narkotisierenden Weißblüher, Jasmin, erinnern.
Aber sie alle teilen sich den holzigen Background, in dem bearbeitetes und verändertes Patschuli und Zeder/Iso E-Super plus saubere Moschusmoleküle die wichtigsten Duftkomponenten darstellen. Eine von Menschen geschaffene Fantasie durch und durch, der Triumph von gemachter Perfektion gegen die natürlich gemalten Duftbilder der Natur.
 

Diese Art von Düften mit ihrem modernen Charakter von unisex-Holzigkeit, mit ihren ausgefeilten und lupenreinen Moschustönen und ihren nicht greifbaren „Auren“, die sie umgeben, formieren sich als Gruppe um ein Motiv, und das heißt „abstrakt“. Für ihre Duftaussagen muss die Werbesprache neu erfunden werden. Der große weiße Hai, der früher durch Felder weißer Blüten trampelte, trampelt jetzt durch abstrakte Wahrnehmungsfelder der Menschen. Möge es ihm weiter gelingen.

 
 
Pic credits: White leather grain via fotolia.com, Agnes Cecile "In Trouble She Will" via lifestyle.allwomenstalk.com, perfume bottles via fragrantica.com, Smoke (Experiments in Methods II) by Ryanna Mairekiki on minimallyminimal.com via Pinterest.com

 

Elena Vosnaki

Elena Vosnaki ist Historikerin und Fragrantica-Autorin aus Griechenland.  Sie ist die Gründerin und Editorin der Webseite Perfume Shrine, eine der am meisten respektierten unabhängigen Publikationen zum Thema Parfums. Die Seite beinhaltet Parfumkommentare, Informationen zu Duftnoten, Interviews und mehr.

Elena hat einen Blog Award gewonnen und war bei etlichen anderen Awards Finalistin. Ihre Arbeit wurde auch bei den Fifi Awards for Editorial Excellence in 2009 anerkannt.
 
 
 
 

 

 

 

 



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Mir fällt dazu der Puredistance "White" auch noch ein. Der riecht für mich nicht "weiß" und auch nicht "sauber" (auch wenn ihn andere durchaus so empfinden). Ich empfinde ihn als sehr warmen, nach ein paar Stunden Tragedauer überwarmen Moschus-Patchouli-Rosen-Duft.
Was mich betrifft, könnte ich hier als "weiß" nur die nach silbrigem Weiß riechende Iris und, zum Teil, den Moschus durchgehen lassen. Ja, und den weißen, wie poliert wirkenden Flakon.

Feb
19
2016

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